04.05.2014
Liebes Tagebuch!
Nun ist es in zwei Tagen wieder soweit, das nächste CT steht mal wieder an. Und alle fragen mich: Was hast du für ein Gefühl? Diesmal muss ich sagen: Gar keins. Ich weiß es einfach nicht. Irgendwie wird es von Mal zu Mal anders. Es verändert sich alles.... Jede Untersuchung ist anders. Und nach jeder Untersuchung denke ich an all die anderen Untersuchungen und an all die, mit denen ich schon im Krankenhaus lag, und besonders an die, die es nicht geschafft haben

Nun ist es fast schon ein Jahr her, das meine Daggi verstorben ist. R.I.P. :`( Gott habe sie selig. Jedes Mal wenn ich ins Krankenhaus gehe denke ich an sie. Bei jedem Schritt sehe ich sie vor mir, wie sie neben mir her ging. Ich sehe den Stuhl wodrauf sie saß, ich sehe den Parkplatz wo sie parkte, den Park in dem wir spazieren gingen und das Cafe in dem wir Kaffee tranken.... und ich hab mal einen Engel von ihr geschenkt bekommen, der ist mir sehr wichtig. Er ist das einzigste was mir von ihr geblieben ist. Ich vermisse sie oft sehr. Sie hat mich immer verstanden. Und als sie wusste, das es keine Rettung für sie gibt, sagte sie zu mir: Es ist ok. Meine Kinder sind groß. Doch du kannst nicht gehen. Deine Kinder sind zu klein, sie brauchen dich noch! Kämpfe weiter.
Es gibt so viele Eindrücke die man sammelt in dieser Krankheitszeit. Soviele Erinnerungen an so tolle Menschen. Soviele Geschichten, Lebensgeschichten, jeder hat seine eigene. Und jedes Leben ist besonders, sowie jede Seele ganz besonders ist. Es gibt Menschen die nur noch traurig sind und kaum noch lachen können. Es gibt Menschen die so verbittert sind, das sie ihr Glück gar nicht sehen und erkennen. Sie können sich über nichts mehr freuen. Und dabei sind sie gesund und ihre Lieben auch, doch trotzdem meckern sie über alles und jeden. Und meistens ist das so, weil man eine Sache nicht vergessen kann, bzw weil man diese Sache nicht vergeben kann. Wie wichtig ist es zu Vergeben?
Vergib mir!..... hast du das mal gesagt? Hab ich das jemals gesagt oder gedacht?
Ich bin heute wortlos mit meiner Schwester auseinander gegangen. Das beschäftigt mich nun seit Stunden. Ich glaube wir haben uns ohne viele Worte gegenseitig verletzt. Obwohl es einer der wichtigesten Menschen in meinem Leben ist, passiert soetwas. Leider gehört auch das zum Leben dazu. Und ich weiß, wenn sie mitbekommt, das ich das öffentlich hier rein schreibe, dann wird sie sich drüber aufregen. Dennoch denke ich, es ist mein Tagebuch. Und auch wenn es ein öffentliches ist.... es sind meine Gedanken und Gefühle, und das man enttäuscht oder verletzt wird, ist normal, das heißt nicht, das man sich deshalb weniger liebt. Manchmal merkt man dann besonders, wie sehr man sich liebt, weil gerade diese Person einen am meisten verletzen kann. Gerade den Menschen denen wir so vertrauen und sie alles von einem wissen, gerade diese Menschen treffen einen am meisten. Wie egal es mir wäre, wäre so ein fremder mit mir umgegangen, oder mit meinen Kindern... ich hätte was dazu gesagt und ich hätte mich danach einfach auf die Couch geknallt und hätte gepennt. So kam ich heim und saß dort, saß dort, starte die Wand an, ein Tränchen lief, nahm den Fernsehschalter, schaltete wild durchs Programm und nichts davon konnte mich ablenken. Jetzt ,Stunden später, sitze ich immernoch hier. Es werden nun wieder so doofe Tage vergehen... Tage in denen man kaum miteinander spricht. Tage die schmerzen. Und es wird sich erst ändern, wenn ich umgezogen bin. Manches klärt sich mit dem nötigen Abstand. Und immer wieder denke ich: Mein Gott was sind wir verschieden. Wirklich in allem!!! Ich habe wirklich einen großen Respekt vor ihr, wie sie alles macht und meistert. Doch ich bin einfach soooo anders, das ich es nie so könnte wie sie. Obwohl es auch gut ist, das ich so bin wie ICH bin. Und es ist gut das SIE so ist wie SIE ist. Ich hörte vor wenigen Tagen: Das hast du nun davon, das du mit deinen Kindern dieses Pippi Langstrumpf Leben führst. Das war eine Anspielung auf die Erziehung meiner Kinder. Tja, ich kann sie nicht so streng erziehen wie es andere können. Schon für manch einfache Dinge, bin ich oft zu schwach. Ich kann oft einfach nicht konsequent sein oder sehe vieles gar nicht, oder kriege es nicht mit, weil ich erschöpft und vor Schmerzen danieder liege. Doch es wird nur gesehen, was die Kinder machen. Es wird geschaut wie sie sind und natürlich wird dann gesagt oder gedacht: Ach ja, das sind die Kinder der "Kranken"..... Jedes Menschenkind ist anders. Jeder Mensch kommt anders auf die Welt. Jeder mit anderen Talenten, Qualitäten und Charakterzügen. Der eine gab nie gerne die Hand zur Begrüßung, der andere sagte gleich: Ey, wie siehst du denn aus? Warum ist die so dick Mama? Dann rülpst der eine leidenschaftlich gerne, und bekommt somit am Tisch die Aufmerksamkeit die er jetzt gerne hätte. Es wird mit dem Kopf geschüttelt und dann gesagt: Sie sind unmöglich geworden... Nachdem der Besuch dann gegangen ist, fühl ich mich KLASSE. Nein, man ist nicht nur sterbenskrank, man hat auch schwierige Kinder. Kinder die man selbst nicht im Griff hat und die sich nicht wie kleine Erwachsene benehmen, sondern sie benehmen sich, als hätten sie eine kranke Mutter... eine Mutter die vor Jahren mal fit war. Die vor Jahren alles im Griff hatte. Die Holz spaltete, die Zufuß alles erledigte, die Filzkurse gab, die sie jeden Tag versuchte glücklich zu machen.... die natürlich auch Fehler machte und nicht perfekt war, aber sie war gesund. Nun ist sie vier Jahre krank. Immerwieder in Chemotherapie. Mal eine Glatze, mal kurze Haare, mal ein Tuch auf, mal `ne Mütze oder Perücke, mal blond mal braun... die Menschen schauen sie bemitleidenswert an. Die Menschen schauen genau auf die Kinder, wie sie sich verhalten. Als ich nach dem ersten Schultag meines Sohnes das erste Gespräch mit der Klassenlehrerin führte, sagte sie, nachdem ich ihr von meiner Krankheit erzählte: Ja, das hab ich gemerkt, er war ganz unruhig heute, ich musste ihn dreimal ermahnen, damit er still saß.... Danach hab ich nur gedacht, hättest du besser nichts gesagt, so wird sie ihn ansehen und denken, ach ja, der mit der kranken Mutter. Und irgendwie stehen sie dann auf der Abschussliste. Wieso sind Menschen so? Den Kindern oder den Menschen denen es schon schlecht geht, denen wird es noch schwerer gemacht. Es tauchten bei meinem größeren in der Klasse Briefe auf. Dort stand drauf: Alle Lehrer sollen sterben. Ein anderer Name und eine andere Schrift waren zu sehen. Doch für die Lehrerin war klar, es war mein Sohn. Und das reichte nicht. Er bekam den Stempel "Amokläufer" auf die Stirn. Nicht nur das ihm nicht geglaubt wurde, das er es nicht war, er wurde sogar von dieser Lehrertin gemobbt. Aus welchem Grund war ER es? Sie sagte: Er hat eine kranke Mutter und vielleicht denkt er "nicht meine Mutter soll sterben, sondern die Lehrer"
Wieso macht man es solch einem Kind denn so schwer? Und nicht nur dem Kind..... tja... mehr muss ich wohl dazu nicht sagen. Ist es die Macht die die Menschen indem Moment spüren, die sie geniessen einen anderen deshalb nochmehr Leid zu zufügen? Warum sagt eine Ärztin, die mich zum ersten Mal sieht, zu mir: Sie wissen ja was sie haben? Sie wissen ja, das sie daran sterben werden? Metastasen gehen nicht mehr weg!!!!! Sie wiederholte es mehrmals. Warum sind Menschen bloß so.
Leider kann ich diesen Eintrag heute nicht fertigstellleb, ich bekomme gerade solch starke Migräne, das ich alles doppelt sehe und mich sofort hinlegen muss. Ich hoffe bis morgen.
06.05.2014
Liebes Tagebuch!
Ich bin etwas beschwipst vom Sekt, deshalb schreib ich nur ganz kurz.
CT Thorax (Lunge) sieht gut aus. Alle Metastasen auch die unterm Arm sind kleiner geworden. Also Erfolg auf ganzer Linie. Ich hoffe nun das nach den nächsten drei Zyklen dann wieder ALLES FUTSCH ist und ich eine längere Pause bekomme, ich muss sagen, verdient hätt ich das

kicher. Nun geh ich grinsend ins Bettchen und werde was schönes träumen

.... und niiiiiiie die Hoffnung aufgeben!!!!! Jippiiiiiiie